Auswirkungen von Hitze auf die Arbeitsproduktivität in Österreich

Autor:innen: Christian Kimmich, Elisabeth Laa, Hannes Zenz und Leonhard Ulrici

Das Jahr 2024 wurde mit dem wärmsten Februar in Österreich seit Messbeginn vor 257 Jahren eingeläutet. Besonders Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland müssen sich auf immer höhere Temperaturen und weitreichende Folgen für die Gesellschaft wie Waldbrände, Wassermangel und Ernteausfälle einstellen, doch auch in Österreich sind die Folgen der Klimakrise bereits jetzt spürbar und werden sich in den nächsten Jahrzehnten noch weiter verschärfen.


Eine Untersuchung von Geosphere Austria zeigt, dass Hitzewellen in Österreich im Vergleich zum Zeitraum 1961 bis 1990  50% häufiger auftreten und zudem auch länger andauern.1 Welche Folgen werden Hitzewellen für die Arbeitsproduktivität in Österreich in Zukunft haben? Diese Frage und die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Effekte untersucht das Institut für Höhere Studien (IHS) im laufenden EU-Forschungsprojekt SUNRISE.

Ausgangspunkt sind die verwendeten Modelle zur Berechnung des zukünftigen Temperaturanstiegs. Diese werden mit aktuellen Daten und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zunehmend verbessert und erweitert. Die vom Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC) verwendeten Szenarien gemeinsam genutzter sozioökonomischer Pfade („Shared Socioeconomic Pathways” (SSP)) sollen dabei neben wirtschaftlichen und demografischen Entwicklungen auch mögliche Veränderungen des internationalen politischen Klimas widerspiegeln, welche die bisherigen Szenarien um eine politische Einbettung ergänzen. Dabei zeigt der aktuelle IPCC-Bericht von 2023, dass die Begrenzung der Erderwärmung auf (unter) 2°C zunehmend schwer erreichbar ist.2

Leistungsfähigkeit der Menschen nimmt in der Hitze ab

Die volkswirtschaftlichen Folgen der Klimakrise sind auch in Österreich zu spüren und verstärken sich mithöherer Erderwärmung. Die Landwirtschaft ist beispielsweise von einem steigenden Wasserverbrauch durch erhöhte Trockenheit und Ernteausfälle durch vermehrte Extremwetterereignisse betroffen. Auch der Wintertourismus leidet bereits unter den steigenden Temperaturen und dem hohen Energieverbrauch der Beschneiungsanlagen. Einige Wirtschaftsbereiche werden jedoch insbesondere durch die Auswirkungen der höheren Temperaturen auf den Menschen betroffen sein.

Ein Grund dafür ist, dass die Leistungsfähigkeit und damit auch die Arbeitsproduktivität des Menschen je nach Schwere der körperlichen Arbeit und klimatischen Bedingungen ab einem bestimmten Temperaturanstieg abnimmt. Um (schwere) gesundheitliche Schäden zu vermeiden sollte deswegen die Arbeitszeit unter von extremer Hitze geprägten Bedingungen verringert werden.

Das National Institute for Occupational Safety and Health (NIOSH) hat deshalb standardisierte Grenzwerte für Temperaturen am Arbeitsplatz und eine entsprechend empfohlene Reduzierung der Arbeitszeit veröffentlicht für die Kategorien „light/moderate/heavy physical work” und unterschieden danach, ob diese „indoor/outdoor” bzw. in „sun/shade” verrichtet wird.

Die Wet-Bulb Globe Temperature (WBGT) stellt dabei eine Erweiterung von regulären Temperaturmessungen dar und integriert Faktoren wie Feuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Strahlungswärme, die für die Arbeitsproduktivität entscheidend sind. 30 Grad sind bei hoher Luftfeuchtigkeit deutlich belastender wie bei trockener Luft. Der Zusammenhang zwischen der WBGT und den Produktivitätsverlusten je nach Arbeitsintensität für die drei Kategorien „low/moderate/high” wird von Orlov et al. (2020) beschrieben.3

Welche Wirtschaftssektoren sind besonders betroffen?

Demnach sind Wirtschaftssektoren, die vermehrt körperlich anstrengende Arbeit beinhalten, welche zudem in der Sonne verrichtet werden muss, wie beispielsweise in der Landwirtschaft, im Bausektor oder in bestimmten Industriesektoren, am stärksten von extremer Hitze betroffen.

Die geringsten Produktivitätsverluste sind in den Dienstleistungssektoren zu verorten, wo vorwiegend geistige bzw. physisch leichte Arbeit verrichtet wird, die zunehmend auch in klimatisierten Räumlichkeiten stattfindet. Allerdings beeinflussen höhere Temperaturen gerade bei Hitzewellen im Sommer das generelle Wohlbefinden der Menschen in allen Arbeitsbereichen, anhaltend hohe Temperaturen in Kombination mit Hitzenächten können deshalb zusätzlich zu einer geringeren Arbeitsproduktivität führen.  

ClimateChip verwendet die empfohlenen Richtwerte für die Reduktion der Arbeitszeit zusammen mit ausgewählten Fallstudien und verknüpft diese mit regionalen Temperaturprognosen ausgehend von zwei aktuellen Klimamodellen und dem vom IPCC vorgestellten Szenario „SSP 370”.

Dieser Pfad liegt bei den mittleren bis oberen möglichen Szenarien und prognostiziert innerhalb einer steigenden nationalen Rivalität durch beschränkte Ressourcen einen Temperaturanstieg von durchschnittlich 3.6°C bis 2100.4 Damit können für die standardisierten Kategorien der Arbeitsbedingungen „light/moderate/heavy work” sowie „indoor/outdoor” regionale Produktivitätsverluste für die Zeiträume 2011-2040, 2041-2070 und 2071-2100) abgerufen werden.

Die volkswirtschaftlichen Effekte durch Produktivitätsverluste für eine Region hängen neben den zu erwartenden Klimaveränderungen vor allem auch von der regionalen Wirtschaftsstruktur ab. So sind Regionen, in denen vermehrt Sektoren mit schwerer Arbeit im Außenbereich angesiedelt sind und ein größerer Anteil der Bevölkerung arbeitet, prozentual stärker von Hitze betroffen. Die Verteilung und Unterschiede der regionalen Wirtschaftsstruktur zwischen ländlichem Raum und urbanen Zentren lässt sich mit Hilfe einer Stadt-Land Typologie Österreichs darstellen.

Vergleicht man die prozentualen und absoluten Zahlen zu Beschäftigten in den besonders betroffenen Wirtschaftssektoren zwischen Stadt und Land, so zeigen sich regionale Unterschiede bei den Auswirkungen der Produktivitätsverluste durch Hitze.

Urbane Zentren weisen mit 6,3 Prozent einen geringeren Prozentsatz an Arbeitsplätzen in stark betroffenen Wirtschaftssektoren auf und sind daher auch prozentual geringer betroffen. In absoluten Zahlen der betroffenen Arbeitsplätze und hier vor allem im Bausektor ergeben sich dennoch hohe Verluste.

Produktivitätsverluste regional unterschiedlich

Im ländlichen Räum macht der Anteil der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft ungefähr ein Zehntel der Arbeitsplätze aus. Insgesamt ist der Anteil der von Hitze betroffenen Industriesektoren im ländlichen Raum beinahe dreimal so hoch wie in den urbanen Zentren und betrifft ca. ein Viertel der Arbeitsplätze bezogen auf den Arbeitsort. Auch gibt es einzelne industriell geprägte Gemeinden (wie z.B. Weinburg in Niederösterreich oder Altenmarkt bei St. Gallen) in denen große Unternehmen der Holz, Metall oder Papierindustrie angesiedelt sind, deren Beschäftigte in der Produktion ebenfalls von steigenden Temperaturen betroffen sind.

Betrachtet man die durchschnittlichen regionalen Produktivitätsverluste, so zeigt sich, dass vor allem der ländliche Raum in Niederösterreich und der Süden der Steiermark durch die höheren Temperaturen und den hohen Anteil an körperlich anstrengenden Arbeitsplätzen in exponierten Wirtschaftssektoren betroffen sein wird. Dabei ist in einigen Regionen mit einem durchschnittlichen Rückgang der Arbeitsproduktivität von jährlich 3 Prozent im Sommerquartal zu rechnen (siehe Abbildung 4 und 5).

Die Folgen für urbane Zentren sind durch die hohe Anzahl an Arbeitsplätzen und den höheren wirtschaftlichen Output jedoch ebenfalls nicht zu unterschätzen. Zudem können urbane Zentren aufgrund der hohen Bodenversiegelung durch die Auswirkungen von Urban Heat Islands stärker betroffen sein, als in den Klimamodellen prognostiziert wird.

Wie hier gezeigt wurde betrifft die Klimakrise auch die Arbeitsfähigkeit der Menschen unter entsprechenden klimatischen Bedingungen. In diesem Beitrag wurden nur die direkten Effekte von Hitze auf den Rückgang der Arbeitsproduktivität betrachtet, wobei Folgeauswirkungen für die Volkswirtschaft dabei nicht berücksichtigt wurden. Ebenso wurden die vielfältigen weiteren Folgen für die Gesellschaft und das allgemeine Wohl der Menschen, welche ebenfalls Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben werden (wie z. B. Biodiversitätsverlust, Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen oder Veränderungen im Tourismussektor) nicht betrachtet.

In Spanien wurden Arbeitgeber deren Beschäftigte unter freiem Himmel arbeiten seit 2023 wieder verpflichtet, bei hohen Temperaturen eine Siesta (Mittagspause) zu verordnen, um vor den heißen Mittagsstunden zu schützen. Auch in anderen europäischen Ländern wird über Änderungen der Arbeitszeitregelungen aufgrund von Hitze nachgedacht – in Österreich fordert beispielsweise die Gewerkschaft Bau-Holz einen Rechtsanspruch auf Hitzefrei ab Temperaturen über 30 Grad.5


Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf kommunal.at veröffentlicht.

1 https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/news/hitzewellen-laenger-und-haeufiger

2 https://www.de-ipcc.de/358.php

3 Anton Orlov, Jana Sillmann, Kristin Aunan, Tord Kjellstrom, Asbjørn Aaheim, Economic costs of heat-induced reductions in worker productivity due to global warming, Global Environmental Change, Volume 63, 2020, 102087, ISSN 0959-3780, https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2020.102087.

4 https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_SPM.pdf

5 Gewerkschaft Bau-Holz fordert Rechtsanspruch auf Hitzefrei ab 30 Grad – auch Arbeitsunfälle steigen bei Hitze | ÖGB (oegb.at)