COVID-19 LehrerInnenbefragung - Zwischenergebnisse

Was tun, damit aus der Gesundheitskrise nicht auch eine Bildungskrise wird?

AutorInnen: Mario Steiner, Maria Köpping, Andrea Leitner, Gabriele Pessl

Die COVID-19-Krise stellt Österreichs Schulen vor eine Ausnahmesituation. Der Unterricht an Schulen war ausgesetzt und Bildung erfolgte in Form von Home-Schooling oftmals unterstützt durch digitale Medien. Die Digitalisierung von Bildung ist bisher zögerlich verlaufen, doch jetzt erfolgte abrupt eine flächendeckende Totalumstellung. Trotz vereinzelter Vorerfahrungen bringt die Situation große Herausforderungen und komplett neue Rahmenbedingungen für PädagogInnen, SchülerInnen und Eltern mit sich.


Solche Akutsituationen bieten einerseits Potenziale für neue Strategien und kreative Lösungen. Andrerseits entstehen viele Fragen, z.B. ob soziale Unterschiede in den Lernleistungen steigen. Die Diskussion über die Verstärkung sozialer Unterschiede wird dabei sowohl hinsichtlich der Digitalisierung (z.B. Tawfik et al. 2016) als auch auf Grundlage des Home-Schooling bzw. des Einflusses familiärer Ressourcen auf das Bildungsergebnis geführt.

Der Zusammenhang zwischen den kulturellen und materiellen Ressourcen des familiären Hintergrunds und den Lern- und Schulleistungen der Kinder ist weithin bekannt (Boudon 1974, Bourdieu/Passeron 1971). Die soziale Selektivität des Bildungsertrags steigt in dem Ausmaß, mit dem dieser von privater Unterstützung abhängig ist (Maaz et al. 2011). Durch das krisenbedingte Schließen von Schulen findet eine "Privatisierung" der Lernleistung in einem bislang ungekannten Ausmaß statt und es passiert in einem quasi-natürlichen Experiment das Gegenteil von dem, was mit Ganztagsschulen erreicht werden sollte.

Im Rahmen dieses vom WWTF (Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds) geförderten Forschungsprojektes sollen in dieser besonderen Situation die Lehr- und Lernleistungen sowie die Unterstützung durch das häusliche Umfeld erhoben werden. Das Ziel dabei ist nicht nur bekannte Benachteiligungsstrukturen empirisch zu analysieren, sondern auch Potentiale und Strategien für Resilienz aufzuzeigen. Durch welches didaktisch-pädagogische Vorgehen beim e-Learning und beim häuslichen Unterricht sowie durch welche Unterstützungen kann es also trotz widriger Rahmenbedingungen gelingen, Benachteiligungen entgegenzuwirken?
Das methodische Vorgehen ist mehrstufig: Es umfasst qualitative Telefoninterviews mit LehrerInnen sowie eine flächendeckende quantitative Onlineerhebung schwerpunktmäßig unter den PädagogInnen von NMS und AHS über die Lehr- und Lernsituation, Erfolge und Schwierigkeiten des e-Learnings sowie Rahmenbedingungen und familiäre Unterstützungen im Zuge des häuslichen Unterrichts. Die hier präsentierten Ergebnisse stellen einige Zwischenergebnisse dieser noch laufenden LehrerInnenbefragung (https://equi.ihs.ac.at/Covid19-LehrerInnenbefragung) dar. Die Zwischenergebnisse zeigen: Die Sorge um einen Kompetenzabfall während der Schulschließungen ist gerade im Hinblick auf ohnehin benachteiligte SchülerInnen groß. Es sind aber auch positive Überraschungen durch SchülerInnen erkennbar, die die Erwartungen ihrer Lehrpersonen in dieser schwierigen Situation übertroffen haben.

Die Zwischenergebnisse

Literatur

Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude (1971): Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs, Stuttgart.

Boudon, Raymond (1974): Education, opportunity and social inequality, New York.

Maaz, Kai/Baumert, Jürgen/Trautwein, Ulrich (2011): Genese sozialer Ungleichheit im institutionellen Kontext der Schule: Wo entsteht und vergrößert sich soziale Ungleichheit? In: Krüger, Heinz-Hermann/Rabe-Kleberg, Ursula/Kramer, Rolf-Torsten/Budde, Jürgen (Hg): Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. Wiesbaden: Springer. S. 69-102.

Tawfik, Andrew/ Reeves, Todd/ Stich, Amy (2016): Intended and Unintended Consequences of Educational Technology on Social Inequality. In: TechTrends (2016) 60:598–605.