Warum (wieder) Frauen* fördern?

Von der Vergangenheit für aktuelle Herausforderungen lernen
Tagung
Datum: 24./25. Oktober 2022


Call for Contributions

Empirische Befunde, theoretische Diskussionen aber auch die Erfahrungen mit der COVID-19 Pandemie zeigen den unvermindert bestehenden Bedarf an Gleichstellungspolitiken, weisen aber auch auf die damit verbundenen Herausforderungen hin. Diese zeigen sich beispielsweise auf einer theoretischen Ebene durch die Auseinandersetzung mit Diversität oder Non-Binarität, auf der empirischen Ebene aufgrund der Schwierigkeiten gender- oder gleichstellungsrelevante Sachverhalte adäquat abzubilden und auf Ebene der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen bedingt durch das Fehlen einer aktiven Gleichstellungspolitik in einem neoliberalen und geschlechterblinden Kontext (Wroblewski, Schmidt 2021).

So legen beispielsweise im Kontext von COVID-19 gesetzte Kampagnen wie „Schau auf Dich, schau auf mich“ auf den ersten Blick den Fokus auf ein Miteinander und Solidarität , entpuppen sich aber beim zweiten Blick als verankert in einem hegemonialen, bürgerlichen Familienmodell. Ähnlich mehrdeutig sind Hashtags internationaler Aktionen wie  #Istayhome oder #stayhomesavelives. Das Bild des Zuhauses löst verschiedene Bezüge aus: So haben nicht alle ein Zuhause – eine erste wesentliche Ungleichheitdimension (Cozza et al. 2021). Gibt es ein Zuhause, bedeutet diese Aufforderung eine erzwungene Häuslichkeit, die mehrfache geschlechterspezifische Effekte (ungleiche Verteilung unbezahlter Versorgungsarbeit, Gefahr häuslicher Gewalt, …) mit sich bringt.

Nach Ausbruch der Pandemie sind innerhalb weniger Wochen traditionelle Geschlechterrollen wieder stärker ins Bild gerückt. Daten einer Studie, die während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 den (Arbeits)Alltag und das Leben in Wiener Haushalten untersucht hat (Mader et al. 2020) stützen diese Beobachtung: Bereits vor dem Lockdown wurde unbezahlte Arbeit im Haushalt – Kochen, Putzen, Kinderbetreuung und Pflege – überwiegend von Frauen erbracht. Der Lockdown hat jedoch die in Summe zu erbringende unbezahlte Arbeit in den Haushalten zusätzlich sichtlich erhöht. Helen Lewis (2020) bezeichnet dies als ein „Desaster für den Feminismus“. Die COVID-19-Pandemie stellt sich somit immer mehr auch als Krise der Gleichstellung dar, die durch die erwartbaren Ressourcenengpässe in den kommenden Jahren verschärft werden wird. Die Bewältigung der Klimakrise bringen ähnliche Herausforderungen für Gleichstellung mit sich (Benschop 2021).
Die Pandemie hat nicht nur traditionelle Geschlechterrollen und -zuständigkeiten forciert, sondern auch dazu geführt, dass Ungleichheitsdimensionen in unterschiedlichen Kontexten (gesundheitlich, ökonomisch, sozial) jeweils anders wirken. Während aus einer gesundheitlichen Perspektive die junge Generationen durch COVID-19 ein geringeres Risiko aufzuweisen scheinen, sind sie von eingeschränktem Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt in hohem Maß betroffen.

Strukturelle Diskriminierung aufzudecken und individuelle Biographien zu stärken waren schon in früheren feministischen Bewegungen Themen (Buchinger et al. 2021). Trotz verschiedenster Errungenschaften bestehen noch immer beobachtbare Defizite – einzig werden diese in der nun mehr vierten, postfeministischen Bewegung (Lewis et al. 2018) auf eine andere Art und Weise artikuliert. Die damit verbundene Dekonstruktion von Geschlecht eröffnet auch neue Perspektiven. So löst sich z.B. eine binäre Betrachtung von Geschlecht auf und erweitert den Blick um weitere Geschlechterkonstruktionen. Begleitet werden diese antikategorialen Sichtweisen von intersektionalen Perspektiven, die neben der Geschlechterdimension auch einen Blick auf Dimensionen wie sexuelle Orientierung, Alter, Ethnizität oder soziale Klasse ins Blickfeld rückt. Damit wird aufzeigt, dass sich die Ansprüche der/des Einzelnen sehr unterschiedlich gestalten können, wodurch Gleichstellungspolitik gefordert ist, diese unterschiedlichen Anspruchsniveaus auch entsprechend mitzuberücksichtigen.

Angesichts dieser Befunde, scheint es eine neue Welle der feministischen Auseinandersetzung und einen generationenübergreifenden Austausch zu brauchen, wobei wir unter anderem folgende Fragen stellen wollen:

  • Wie können wir im Rahmen von Frauenförderungs- und Gleichstellungsstrukturen einen feministischen und generationsübergreifenden Diskurs stärken und wie können
  • wir diesen auch mit intersektionalen Zugängen verbinden?
  • Welche Bedeutung kommen „alten“ Exklusionsmechanismen in aktuellen Gleichstellungspolitiken zu? Welche „neuen“ Ausschlussmechanismen finden sich heute? Inwieweit können wir für diese Reflexion die Arbeiten feminstischer Vorreiter*innen nutzen?
  • Wie können die sozio-ökonomischen Verteilungsfragen wieder neu aufgerollt, diskutiert und neu gestaltet werden? Relevant erscheinen in diesem Zusammenhang Verteilungsfragen von Einkommen und anderen wesentlichen Ressourcen wie Bildungszugang, Teilhabe an Entscheidungsprozessen, aber auch hinsichtlich öffentlicher Förderungen etc.
  • Welche Entwicklungen beeinflussen und forcieren die Anerkennung von vielfältigen Geschlechter- und Identitätskonstruktionen? Was bedeuten diese unterschiedlichen Identitätskonstruktionen für die Gleichstellungspolitiken?
  • Welche (neuen) kollektiven und gemeinschaftliche Organisationsformen berücksichtigen die Ansprüche der vielfältigen Identitätskonstruktionen und ermöglichen damit die Teilhabe aller an ökonomischen und gesellschaftspolitischen Prozessen?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen und deren Aufgreifen im Kontext von Gleichstellungspolitik erfordert einen gemeinsamen Diskurs von verschiedensten Akteur*innen – Wissenschafter*innen, Berater*innen, Politiker*innen, Praktiker*innen, Aktivist*innen, etc. und entsprechend richtet sich dieser Call an all diese Akteur*innen. Um einen Austausch auf Augenhöhe zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen und einen aktiven Dialog zu unterstützen, wollen wir im Rahmen dieser von IHS und WU in Kooperation mit der AK Wien organisierten Tagung Raum für Reflexion und generationenübergreifenden Austausch schaffen. Die Tagung schließt an die Diskussionen der Tagungen aus den Jahren 2017 und 2019 „Warum (noch) Frauen* fördern?“ an.

Wir laden auf diesem Weg zur Einreichung von Kurzfassungen von Beiträgen ein, die sich mit den oben genannten Fragen aus einer theoretischen Perspektive auseinandersetzen oder Praxiserfahrungen vorstellen (z.B. Erfahrungen mit der Förderung von vulnerablen Gruppen am Arbeitsmarkt, Maßnahmen, die Geschlechterrollenzuschriebungen aufbrechen, Maßnahmen im Bereich des Gewaltschutzes). Von besonderem Interesse sind Beiträge, die Praxiserfahrungen vor dem Hintergrund theoretischer Konzepte reflektieren, sowie theoretische Beiträge, die konkrete Praxiserfahrungen aufgreifen. Wir freuen uns auch über Vorschläge für alternative Formate, die die oben genannten Fragestellungen aufgreifen.

Einreichung
Senden Sie Ihre Abstracts im Umfang von 500 Wörtern bis 1. Mai 2022 an Angela Wroblewski (gender(at)ihs.ac.at). Sie erhalten bis Ende Mai eine Rückmeldung zu Ihren Einreichungen.

Programmkomitee

Angelika Schmidt (Wirtschaftsuniversität Wien), Angela Wroblewski (IHS), Gelinde Hauer und Katharina Mader (beide Arbeiterkammer Wien)

 

Die Veranstaltung findet in den Räumlichkeiten der Arbeiterkammer statt, in Kooperation mit dem IHS und der Wirtschaftsuniversität.