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Menschen, Dinge, Natur: Drei Dimensionen der Digitalität

14. November 2019, 16:30 - 18:30, IHS, Josefstädter Straße 39, 1080 Vienna

Public Lecture von Prof. Felix Stalder

Digitalität ist gekennzeichnet durch eine enorme Erweiterung der Positionen, die in die mal mehr mal weniger konfliktreiche Verhandlung normativer Fragen (etwa, wer sind wir und was ist uns wichtig?) einfließen. Große historische Entwicklungen – Entstehung der Wissensökonomie, soziale Liberalisierung und Globalisierung – schufen ab den 1960er Jahren dafür den Raum und brachten bestehende Verfahren und Institutionen der Wissensordnung und der Repräsentation in die Krise. Denn sie sind nicht dafür ausgelegt, mit dieser Fülle an Positionen umzugehen. Parallel dazu schuf  Digitalisierung eine neue Kommunikationsinfrastruktur, die darauf ausgerichtet ist, mit sehr großen Informationsmengen umzugehen und eine sehr hohe interne Komplexität zu organisieren.

Soziale und technische Entwicklungen erweitern aber nicht nur der Kreis der menschlichen Positionen, die sich sie artikulieren können (aber dabei natürlich nicht immer gehört finden). Sie geben auch immer mehr Gegenständen die Fähigkeit, ihre Umwelt wahrzunehmen, diese Wahrnehmung zu analysieren und die Resultate dieser Analyse in irgendeiner Weise, wieder in die Umwelt einzuspeisen. Und sei es nur als Schranke, die sich öffnet, wenn man sich eine autorisierte Person nähert. Auch immer mehr biologische Akteure und Systeme werden mit Hilfe von Sensoren und Prozessoren in die digitale Kommunikationsraum eingebunden, von einzelnen Insekten bis zu umfassenden Meeresströmungen.

Nebst allen Gefahren für bestehende demokratische und ökologische Systeme, die diese Entwicklungen mit sich bringen, so schaffen sie auch die Voraussetzungen, um ein differenzierteres und komplexeres Verständnis biologischer Systeme und der Einbettung menschlicher Gemeinschaften darin zu entwickeln. Diese Aufgabe ist heute dringlicher denn je.

Moderation: Beate Littig

Begrüßung: Martin Kocher und Vertreter/in des Umweltbundesamtes

Kommentar: Sepp Hackl, Umweltbundesamt

Bio:

Felix Stalder ist Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste, Vorstandsmitglied des World Information Institute in Wien, Mitglied des freien Forschungsprojekt "Technopolitics" und langjähriger Moderator der internationalen Mailingliste <nettime>. Er beschäftigt sich mit dem Wechselverhältnis von Gesellschaft, Kultur und Technologien, und forscht u.a. zu Digitalität, Netzkultur, Urheberrecht, Commons, Privatsphäre, Kontrollgesellschaft und Subjektivität. Zuletzt erschienene Bücher : "Deep Search: The Politics of Search Beyond Google" (2009), "Digital Solidarity" (2013)", "Der Autor am Ende der Gutenberg Galaxis" (2014) und "Kultur der Digitalität" (Suhrkamp, 2016), das als "Digital Condition" (Polity Press, 2018) in englischer Übersetzung erschienen ist.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Universität Wien und dem Umweltbundesamt statt.