Einleitung

Einleitende Worte der Gastgeberin des Abends, Dr. Beate Littig

Lassen Sie mich vor der Begrüßung mit der Ankündigung beginnen, dass die heutige Veranstaltung überwiegend in Deutsch abgehalten wird, auch wenn unser Keynotespeaker Amerikaner ist und seinen Vortrag in Englisch halten wird. Aber ich weiß, dass Ted Schatzki Hegel und  Heidegger im Original liest -  und wer das Deutsch versteht, der wird dieser Veranstaltung sicherlich gut folgen können.

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums,
sehr geehrter Herr Direktor,
liebe Kollegen und Kolleginnen am Podium und im Publikum,
und ich darf hoffentlich sagen, lieber Herr Professor Neisser!

Es ist mir eine große Ehre und Freude, dass ich für die Durchführung der ersten Heinrich Neisser lecture am IHS als Gastgeberin des heutigen Abends verantwortlich sein darf. Ich bin seit mehr als  zwanzig Jahren am IHS als Wissenschaftlerin tätig und habe in diesen vielen Jahren  Professor Neisser als umsichtigen und integrativen  Vorsitzenden des Kuratoriums kennen und schätzen gelernt.

Ich möchte diesen Abend auch zum Anlass nehmen, um mich bei Ihnen persönlich zu bedanken. Vor allem dafür, dass Sie sich immer für den hohen Stellenwert von Soziologie und Politikwissenschaft neben der Ökonomie am IHS eingesetzt haben. Das war für ehemalige Soziologieabteilung am IHS, die ich über viele Jahre geleitet habe, sehr förderlich.

Die inhaltliche Ausrichtung des heutigen Abends hat sehr viel mit der ehemaligen Soziologie-Abteilung, genauer dem Abteilungsprogramm zu tun. Dieses war  in Lehre und Forschung auf die Theorie(n) sozialer Praktiken ausgerichtet und findet  jetzt in der Forschungsgruppe sozial-ökologische Transformationsforschung seine Fortführung. Wir sind vor mehr als 10 Jahren auf einen Zug aufgesprungen, der von einigen namhaften SozialwissenschaftlerInnen - neben Ted Schatz, war das auch Karin Knorr-Cetina, die mit dem IHS ebenfalls verbunden ist - als der „practical turn“ der Sozialwissenschaften bezeichnet wurde. In das was mit dieser praxistheoretischen Neu-Orientierung auf sich hat, werden Sie heute Abend ausführlich eingeführt werden. Zum einen von Prof. Schatzki, zum anderen von meinen beiden KollegInnen Michael Jonas und Angela Wroblewski, die in aller Kürze zwei fast noch druckfrische Bücher(1,2) vorstellen werden, die aus unserer Auseinandersetzung mit und der Weiterentwicklung praxistheoretischer Ansätze hervorgegangen sind.

Praxistheoretische Überlegungen sind in jüngerer Zeit u.a. in der sog. Nachhaltigkeitsforschung breit rezipiert worden, geht es dabei doch darum einerseits zu erklären, warum Menschen trotz ausgeprägten Umweltbewusstseins und Wissens über die ökologische und  letztlich soziale Nicht-Nachhaltigkeit ihres Tuns ihr Verhalten dennoch nicht oder allenfalls marginal verändern. Das gilt nicht nur für das private Alltagshandeln, sondern auch für die Praxis der Politik und Wirtschaft.

Und andererseits geht es darum, Ansatzpunkte (im Plural!) für die eine sozial-ökologische Transformation in Richtung einer nachhaltigen Welt-Gesellschaft wissenschaftlich zu sondieren und für die politische Praxis, auch der Zivilgesellschaft und der interessierten Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Im Zeitalter des Klimawandels und der Übernutzung natürlicher Ressourcen geht es um eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse und um globale Umweltgerechtigkeit. Es gilt zu erkennen, dass die heute wieder viel diskutierte soziale Frage, eine sozial-ökologische ist, und dass bei allen Lösungsversuchen die planetaren Grenzen anerkannt und  mitbedacht werden muss. Und es gibt viele empirische Belege dafür, warum viele alte Anti-Krisen-Mittel nicht mehr funktionieren und deshalb innovative Wegen beschritten werden müssen. Verantwortungsvolle Wissenschaft hat mit ihren Mitteln dazu beizutragen.

Der Hintergrund für die heutige Veranstaltung ist aber nicht nur die Auseinandersetzung mit den immensen gegenwärtigen sozial-ökologischen Herausforderungen, sondern es ist auch eine Auseinandersetzung zwischen und mit verschiedenen verhaltenstheoretischen Ansätzen, die am IHS vertreten werden. Mit dem Antritt von Prof. Kocher als Direktor am IHS ist das maßgeblich auch die Verhaltensökonomie, die ebenfalls im Nachhaltigkeitsdiskurs breit rezipiert wird.

Soweit in Kürze die Idee für die Konzeption der heutigen Veranstaltung.

Nun zum Programm:

Wir beginnen, sozusagen zum Aufwärmen mit zwei kurzen praxistheoretischen Inputs und auch  ein bisschen Werbung in eigener Sache, wie schon erwähnt mit die beiden Kurzpräsentationen unserer beiden neuen Bücher.

Danach wird Prof. Schatzki einen halbstündigen Überblick über Praxistheorien geben. Die Outline des Vortrags liegt auf ihren Sitzen. Prof. Kocher wird  aus verhaltensökonomischer Sicht kommentieren.

An die Vorträge schließt sich eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung an. Dafür konnten wir vier wichtige RepräsentantInnen ganz unterschiedlicher nachhaltigkeits-orientierter Praxisfelder gewinnen, die sich auch mit der Frage befassen werden, welche Rolle denn solche sozialwissenschaftlichen Grundlagentheorien für ihre Aufgabenfelder spielen. Die Podiumsmitglieder werde ich Ihnen aber erst später vorstellen.

Und da uns die Zeit fürs Diskutieren sicherlich zu kurz werden wird, kann dies gerne bei einem Umtrunk im schönen Garten des IHS fortgesetzt werden. Das Wetter spielt ja heute mit.

Ted Schatzki ist ein vielgefragter  Vortragender, wenn es um die philosophische und wissenschaftstheoretische Fundierung aber auch sozialwissenschaftliche Konkretisierung von Praxistheorien geht. Dankenswerter Weise hat er heute auf dem Weg nach Griechenland – wohin es wohl jeden Philosophen zieht – einen Zwischenstopp in Wien eingelegt, um seinen Vortrag zu halten.

Ted, the floor is yours.

1Jonas, M., B. Littig (eds)(2017): A Praxeological Political Analysis, London: Routledge
2Jonas, M., Littig, B., Wroblewski, A. (eds.) (2017): Methodological Reflections on Practice Oriented Theories. New York: Springer Int.