Geschichte des Instituts

Kein Neuanfang ohne Rückblick

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war Wien ein 'Hotspot' der damals noch jungen sozialwissenschaftlichen Forschung, wozu neben der Nationalökonomie auch die Sozialpsychologie, Rechts- und Staatswissenschaften, sowie Soziologie zu zählen waren. In den frühen 1930ern jedoch wurde es in Wien für viele talentierte Intellektuelle und WissenschafterInnen aufgrund der ökonomischen Situation, einer fehlenden Aussicht auf eine Karriere an einer der wenigen Einrichtungen im Hochschulbereich, und des zunehmenden politischen Autoritarismus immer unattraktiver. Viele von ihnen gingen ins Ausland; manche fanden bessere Bedingungen über dem Atlantik; und einige wenige bekamen sogar weltberühmte SozialwissenschafterInnen.

Zwei aus der letzten Kategorie waren Paul F. Lazarsfeld, ein Soziologe an der Columbia University, und Oskar Morgenstern, Ökonom in Princeton. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg gelegentlich in Wien zu Besuch waren, fanden sie an den Universitäten dieselben rückständigen und konservativen Professoren vor, die drei Dekaden vorher schon da gewesen waren; und sie waren schockiert vom Mangel an intellektuellem Potential in der Stadt. ‘No brain, no initiative, no collaboration’, wie Lazarsfeld in einem Brief von einem Wienbesuch in den späten 1950ern schrieb. Eine Rückkehr nach Österreich war ausgeschlossen; doch die beiden fühlten sich verpflichtet, die nächste Generation an WissenschafterInnen zu unterstützen, indem sie ein institutionelles Umfeld schaffen wollten, welches sie von amerikanischen Universitäten kannten.

Gemeinsam überzeugten Lazarsfeld und Morgenstern die Ford Foundation, einen großzügigen Grant zur Verfügung zu stellen (was verhältnismäßig einfach war), und österreichische Politiker, das Institut außerhalb der etablierten Universitäten zu gründen (was ungleich schwieriger war). Das Institut für Höhere Studien (IHS) wurde 1962/63 offiziell eröffnet (in Wien eine Zeitlang auch bekannt als Ford Institut). Schnell wurde es der Ort in Österreich wo eine neue Generation von SozialwissenschafterInnen - in Ökonomie, Politikwissenschaft, Soziologie - von GastprofessorInnen lernen konnten, die extra nach Wien gebracht wurden, um neueste methodologische Kenntnisse und Theorie zu vermitteln.

Bis heute hat das IHS Generationen von Ökonominnen und Ökonomen, Soziologinnen und Soziologen sowie Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler erfolgreich ausgebildet. Absolventinnen und Absolventen des IHS sind Professorinnen und Professoren in den genannten Disziplinen an Universitäten in Österreich und ganz Europa. Andere sind hohe Funktionsträgerinnen und -träger in der österreichischen Verwaltung, in den Einrichtungen der Europäischen Union, oder anderen internationalen Organisationen; wieder andere sind in führenden Positionen in der Privatwirtschaft tätig.

Im Sommer 2015 zog das IHS von seinem alten Standort um: Das Institut ist nunmehr in der Josefstädter Straße 39 im achten Wiener Gemeindebezirk untergebracht. Derzeit beforscht ein Team von rund hundert Forscherinnen und Forschern spezifische Themen in Wirtschaft, Plitik, Arbeit, Gesundheit, Technologie und Bildung.

... zur Geschichte des Instituts

Mehrere Veröffentlichungen haben die Geschichte des IHS beleuchtet. Das Folgende ist eine kurze und unvollständige Zusammenstellung.

Bernhard Felderer (Hg.): Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zwischen Theorie und Praxis. 30 Jahre Institut für Höhere Studien in Wien, Heidelberg 1993

Christian Fleck: Wie Neues nicht entstanden ist. Die Gründung des Instituts für Höhere Studien in Wien durch Ex-Österreicher und die Ford Foundation. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 11/1, 2000, 129-178 online

Helmut Kramer: Wie Neues doch entstanden ist. Zur Gründung und zu den ersten Jahren des Instituts für Höhere Studien in Wien. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften13/3, 2002, 110-132

Thomas König: Vom Naturrecht zum Behavioralismus und darüber hinaus. Konzeptionelle Grundlagen der Disziplin Politikwissenschaft in Österreich. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 41/4, 2012, 419-438 online

Direktoren

Slavtscho Sagoroff (1962-1965)
Oskar Morgenstern (1965-1966)
Walter Toman (1966)
Ernst Florian Winter (1967-1968)
Gerhard Bruckmann (1968-1973)
Gerhard Schwödiauer (1973-1979)
Anatol Rapoport (1980-1983)
Hans Seidel (1984-1991)
Bernhard Felderer (1991-2012)
Christian Keuschnigg (2012-2014)
Sigurd Höllinger (2015-2016)
Martin Kocher (2016- )

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